Uwe Sunkel

Seit über 20 Jahren führt Uwe Sunkel Projekte im nationalen und internationalen Human Resources Umfeld durch. Zu seinen Kunden gehören Unternehmen des Mittelstands ebenso wie internationale Großkonzerne.

Personalmessen? Ohne mich!

Personalmessen? Ohne mich!

Ich gestehe: ich war nicht auf der Zukunft Personal. Und überhaupt habe ich in den letzten fünf Jahren keine einzige Personalmesse besucht. Thomas Eggert kam in seinem kürzlich veröffentlichten Blog anlässlich der Kölner Messe zu dem Ergebnis: "... die echte Zukunft der Personalarbeit finde ich (hier) persönlich nicht wirklich." Ich möchte dem hinzufügen: Das war doch irgendwie schon immer so.

Fachlicher Austausch?

Vielleicht sollte ich voranstellen, dass ich nichts gegen Informationen und den gepflegten Austausch mit meiner fachlichen Peer-Group habe. Den personalwirtschaftlichen Publikumsmessen möchte ich aber attestieren, dass es darum nicht wirklich geht. Lassen wir einmal die kommerzielle Brautschau außen vor und richten den Blick „nur" auf die Vorträge, Seminare und Workshops. Was finden wir denn dort wirklich vor? 30-minütige Trailer. Vorgetragen von Firmenvertretern, die im Rahmen ihrer Standgebühren gleichzeitig das Recht gekauft haben, über ihre Dienstleistungen berichten zu dürfen. Das nennt man Vertrieb. Die konkreten Werbebotschaften werden jeweils in zukunftsträchtige Titel verpackt und dem geneigten Publikum als Wissen serviert. Die Kapitelüberschriften lauten dann „Corporate Health" (immer gut ...) oder „Social Media im Personalwesen" (Donnerwetter!).

Fragwürdige Inhalte

Als Rahmenprogramm und zur Auflockerung der Agenda gibt es die unsäglichen Preisverleihungen. Der 22. Deutsche Personalwirtschaftspreis, der HR-Innovation-Slam oder die x.te Auszeichung irgendeines Jobportals - mit Preisverleihung, Furz und Feuerstein ... Mal ganz ehrlich: Wen in aller Welt interessiert das? Und vor allem: Was haben wir davon? Mir wäre neu, dass professionelle Personalarbeit inzwischen zum Breitensport avanciert wäre oder analog einer anerkannten olympischen Disziplin dort Medaillien verliehen würden.

Als Zugpferde werden die alten Haudegen wie Sattelberger oder Prof. Kruse ausgegraben, die in ihren Keynote Speeches für allgemeine Verwirrung sorgen dürfen. Am Ende eines solchen Vortrages sind Sie entweder maximal motiviert (das ist aber nach dem Besuch einer Bodo Schäfer Veranstaltung auch so) - oder Sie schießen sich eine Kugel in den Kopf, weil Sie nämlich gelernt haben, dass sich alles ändern muss. Und zwar ruckartig. Veränderung = BÖSE!

Dabei kommen die Forderungen nicht von irgendwelchen Satanisten oder gar Dummköpfen sondern von anerkannten Kapazitäten. Entsprechend sind die Impulse sicherlich wertvoll - zumindest dann, wenn Sie das Ohr eines Entscheiders erreichen. Die Entscheider - so zumindest meine Erfahrung - gehen aber gar nicht auf Personalmessen. Die haben nämlich einen Job, der sie täglich 12 Stunden fordert. Und die gemeine Beutelratte dürfte mit solchen Themen maximal überfordert sein.

Worum es eigentlich geht

Ich merke schon, dass ich mich so langsam in Rage schreibe. Ist alles nicht böse gemeint. Und die Bemühungen der Messegesellschaft sind sicherlich auch aller Ehren wert. Allein für mich selbst sehe ich keinen Sinn - weder im Programm noch in der Teilnahme an demselben. Zukunft der Personalarbeit muss in den Unternehmen selbst gestaltet werden. Dazu kann man sich sicherlich die notwendigen Impulse auf einer Personalmesse holen. Vermutlich reicht aber auch die regelmäßige Lektüre einer guten Fachzeitschrift und zur Vertiefung der tiefere Blick in ein spezielles Fachbuch. Die lemming-gleiche Wanderung durch die Kölner Messehallen hingegen hatte für mich stets (und hat dies immer noch) vor allem Incentive-Charakter. Wobei ich mir nicht wirklich vorstellen kann, worin der Anreiz besteht. Vielleicht schon darin, dass man mal einen, zwei oder gar drei Tage nicht zur Arbeit muss. Die Kochwürstchen mit Kartoffelsalat für 10,20 EUR können es wohl eher nicht sein.

Zukunft der Personalarbeit

Nochmal: die Zukunft der Personalarbeit muss in den Unternehmen gestaltet werden. Von innen heraus. So bleibt mir zumindest die Hoffnung, dass die mit Wissen aufgepumpten Messebesucher im Anschluss im eigenen Unternehmen die notwendigen Arbeitskreise ins Leben rufen, um die Themen systematisch abzuarbeiten. Hahaha '*!?*' Gurgel '*!?*' Glucks - Als ich diesen Satz gerade geschrieben habe, musste ich selbst laut über meine eigene Naivität lachen - der Gedanke ist wirklich zu absurd. Gerade das wird nämlich keinesfalls geschehen. Statt konzentrierter Aktion fallen die Aktivisten zurück in ihren allgemeinen Arbeitstrott oder werden vom operativen Tagesgeschäft (= Realität) eingeholt.

  • Das ist wirklich ein guter Vorschlag, Herr Müller. Aber dafür haben wir gerade kein Budget. Lassen Sie uns doch einfach mal selbst mit diesem XING anfangen. Dann sehen wir doch, ob das geht." (Gute Idee - Herzchirurgen üben ja auch ohne Ausbildung an lebenden Patienten.)
  • Davon habe ich auch schon gehört, Frau Schmidt. Das müssen wir dann aber erst mal mit den anderen Abteilungen abstimmen, sonst kriegen wir das im Vorstand nicht durch." (Klar - wir haben ja auch jede Menge Zeit für diese Abstimmungsrunden. Am besten gleich noch den Compliance Officer mit einbinden. Dann scheitert's garantiert.)
  • Oder die ganz besonders frustrierende Variante: „Ich bin da absolut Ihrer Meinung, Herr Meier. Das wäre gerade jetzt sehr wichtig für unseren Betrieb. Lassen Sie uns aber mal abwarten, bis der neue Geschäftsführer im nächsten Jahr an Bord ist. Wir wissen ja noch nicht, welche Ziele der so hat ... ." (Achtung! Bloß keine eindeutige Position beziehen oder gar Veränderungen anstoßen. Und immer schön den Kopf zwischen die Schulterblätter ziehen.)

Gibt es Alternativen?

Veränderungen führen immer zu Veränderungs-Widerständen. Wie wir damit umgehen, erfahren wir auf keiner Messe. Wie wir einen Change- oder Transformations-Prozess einleiten und erfolgreich durchführen, kann uns kein 30-Minuten-Vortrag erklären. Und wie wir uns immer wieder motivieren, die Zukunft der Personalarbeit gegen alle Widerstände zu gestalten, lernen wir nicht in Köln (jedenfalls nicht immer). Dafür braucht es sicherlich den Austausch mit Kollegen, die solche Erfahrungen bereits gemacht haben. Auch das vertrauliche Gespräch mit operativ erfahrenen Beratern, Change- oder Interim Managern kann uns dabei helfen. Wichtig dabei ist auch der ehrliche Diskurs darüber, warum vergleichbare Projekte bereits gescheitert sind. Und woran! Ich bin fest davon überzeugt, dass die konzentrierte Auseinandersetzung mit solchen Fragestellungen möglich ist - jedoch nicht im Rahmen einer Publikumsmesse.

So bleibt Ihnen am Ende dieses unflätigen Blogbeitrags zumindest die Erfahrung, dabei gewesen zu sein. Und im nächsten Jahr sehen wir uns alle wieder in Köln! Sicher - aber ohne mich.

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Comments 2

Guest - Eva Lutz on Monday, 27 October 2014 22:35

Schön politisch unkorrekt, wie immer, vielen Dank Herr Sunkel und dito. Wir sehen uns. Voraussichtlich nicht auf einer Messe.

Schön politisch unkorrekt, wie immer, vielen Dank Herr Sunkel und dito. Wir sehen uns. Voraussichtlich nicht auf einer Messe.
Guest - Thomas Albert Klein on Wednesday, 29 October 2014 13:48

"Zukunft der Personalarbeit muss in den Unternehmen selbst gestaltet werden"
Diese Aussage ist zwar banal aber schmerzlich wahr!
In Zeiten des "Fachkräftemangels", der "abschlagsfreien Frühverrentung mit 63" und der "demographischen Entwicklungen" wird die innerbetriebliche Personalarbeit zur reinen Existenzsicherung für den Betrieb. Dafür sind Personalentwickler mit profunden Erfahrungen, hoher Frustrationstoleranz und stabilem Pioniergeist erforderlich. Und diese finde ich auf Messen in Köln oder anderswo nicht.

"Zukunft der Personalarbeit muss in den Unternehmen selbst gestaltet werden" [b]Diese Aussage ist zwar banal aber schmerzlich wahr![/b] In Zeiten des "Fachkräftemangels", der "abschlagsfreien Frühverrentung mit 63" und der "demographischen Entwicklungen" wird die innerbetriebliche Personalarbeit zur reinen Existenzsicherung für den Betrieb. Dafür sind Personalentwickler mit profunden Erfahrungen, hoher Frustrationstoleranz und stabilem Pioniergeist erforderlich. Und diese finde ich auf Messen in Köln oder anderswo nicht.
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