Mehr Schein als Sein

Mehr Schein als Sein

Viele Freiberufler haben befürchtet, dass irgendwann einmal eines der großen Unternehmen offen einräumt: "Ja - wir haben ein Problem mit dem Thema Scheinselbständigkeit." Jetzt ist genau dies geschehen. Die SAP AG hat zum 1. März eine External Workforce Policy umgesetzt, die tiefgreifende Auswirkungen für die im Konzern tätigen IT-Freiberufler hat. Ich bin mir sicher, dass das nur die Spitze des Eisberges ist.

Wer ist wirklich Freiberufler?

Laut Definition ist die persönliche Unabhängigkeit kennzeichnend für einen freien Mitarbeiter. Der freie Mitarbeiter ist in der Gestaltung seiner Arbeitsbedingungen relativ frei und formal weder in zeitlicher, örtlicher oder fachlicher Hinsicht den Weisungen des Auftraggebers direkt unterworfen. Er ist gewöhnlich nicht in die Organisationsstruktur des Auftraggebers eingegliedert. (Wikipedia)

Mir sind nicht gerade wenige Kollegen bekannt - darunter auch zahlreiche Interim Manager -, die es sich bei ihren Kunden recht bequem gemacht haben. Da gibt es Mandate, die mitunter schon seit Jahren laufen und von einer Verlängerung in die nächste gehen. Für die beauftragenden Unternehmen macht das im Einzelfall sogar Sinn. Freie Mitarbeiter können einen wesentlichen Bestandteil der sogenannten „atmenden Organisation" ausmachen. Immer dann, wenn Projektressourcen nur temporär benötigt werden oder man nicht genau weiß, ob es nach dem aktuellen Projekt noch Arbeit gibt, ist der Einsatz eines Freiberuflers oder Interim Managers eine gute Entscheidung. Manchmal freilich zeugt es auch von Fantasielosigkeit ...

Die Praxis sieht oft anders aus

Doch wie verhält es sich in den Fällen, in denen solche Kettenverträge zu Beschäftigungszeiten von mehreren Jahren und einer mehr als eindeutigen Eingliederung in die Organisation führen? Dazu habe ich eine recht klare Meinung. Und die deckt sich offenbar mit der Einschätzung des SAP Compliance Officers. Dieser kommt nämlich zu dem Ergebnis, dass das nach arbeitsrechtlichen Grundsätzen eine erhebliche Gefahr darstellt. Kommt nämlich die Rentenversicherung Bund im Rahmen eines sogenannten Statusfeststellungsverfahrens zu dem Ergebnis, dass der Freiberufler oder Interim Manager dem Wesen seiner Beschäftigung nach ein Angestellter ist, so muss das Unternehmen die Sozialversicherungsbeiträge rückwirkend bis zum Beginn der Statusfeststellung bezahlen. Das kann bereits im Einzelfall, sicher jedoch bei ganzen Freiberufler-Armeen (wie z. B. bei der SAP AG), im wirtschaftlichen Desaster enden. Ein solches Risiko darf kein Unternehmen wissentlich eingehen.

SAP beugt vor

Die SAP AG hat daher nun sehr konsequent entschieden, dass es künftig keine Einzel- und Direktverträge mit Freiberuflern mehr geben wird. Alle Einsätze müssen über Agenturen laufen. Die Agenturen sind ihrerseits verpflichtet, die Freiberufler bezüglich einer möglichen Scheinselbständigkeit zu überprüfen. Sobald Indizien den Verdacht nahelegen, ist der Einsatz ausgeschlossen. SAP hat allen IT-Freiberuflern zum 31. März gekündigt und ihnen nahegelegt, sich neu zu bewerben. In der Regel über eine Agentur. Außerdem gilt für Freelancer zukünftig eine maximale Bestelldauer pro Jahr von 120 Tagen.

Wird das in der Praxis funktionieren?

Das ist ein spannender Ansatz und ich werde mit großem Interesse verfolgen, ob das in der Praxis funktioniert. Denn auf dem Papier ist dieser Ansatz bislang nur eine Verschiebung des Risikos vom Unternehmen zum Dienstleister. Wenn dieser einen Freiberufler über einen längeren Zeitraum fest an sich bindet und an seine Kunden „ausleiht", dann läuft er selbst Gefahr, in die Sozialversicherungsfalle zu tappen. Es gibt aus diesem Dilemma eigentlich nur einen Ausweg: Solche Dienstleister müssen ihrerseits auf die Anzahl der Bestelltage achten und den Freiberufler rechtzeitig austauschen.

SAP hat auch der sogenannten Provider-Rochade vorgebeugt. Nach diesem Modell werden Freiberufler z. B. nach drei Monaten bei einer Tochtergesellschaft des Dienstleisters neu unter Vertrag genommen, jedoch beim gleichen Kunden eingesetzt. Das kann man beliebig weiterspielen - nicht jedoch nach dem neuen SAP Modell. Dort wird anhand der jeweiligen Person geprüft, wie viele Einsatztage im laufenden Jahr diese bereits im Unternehmen tätig war.

Viele Fragen offen ...

Was wird man also zukünftig tun, wenn Projekte über zwei Jahre laufen, d. h. die 120 Tage-Grenze deutlich überschreiten? Glaubt man den Freiberuflern, die sich freilich für unersetzbar halten, so wird das Modell scheitern. Das jedoch - so glaube ich - wird keinesfalls geschehen. Denn zum einen ist niemand wirklich unersetzbar und die Mechanismen des Marktes werden hier sicherlich heilend auf die Gesamtsituation einwirken. Die Einen werden vielleicht in die Zeitarbeit oder in ein Anstellungsverhältnis wechseln. Andere werden Wege finden, sich in eine „echte" Selbständigkeit hinein zu entwickeln. Wir können diesen Punkt an dieser Stelle undiskutiert lassen und stattdessen beobachten.

Wichtiger ist Folgendes: SAP hat die Büchse der Pandora geöffnet. Damit hat die in vielen Unternehmen praktizierte Verschleierungstaktik erstmals vor großem Publikum ein Ende gefunden. Das Unternehmen hat reagiert und ist den drohenden Konsequenzen zuvorgekommen - ein Zurück ist von nun an ganz einfach unmöglich.


Der Ton macht die Musik
Das Einzige, was noch stört, ist der Kunde

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