Jeder kennt jeden um sechs Ecken

Jeder kennt jeden um sechs Ecken

Kennen Sie das „Small-World-Phänomen"? Die dahinter liegende Theorie behauptet etwas schier Unglaubliches. Jeder Mensch kennt jeden anderen Menschen auf dieser Welt – um wenige Ecken. Sollte das stimmen, dann hätte dies für das Recruiting von Talenten in engen Bewerbermärkten eine unschätzbare Bedeutung.

Das Kevin-Bacon-Orakel

Zum Beweis ihrer Theorie haben die Wissenschaftler der Universität von Virginia das „Kevin-Bacon-Orakel" (der amerikanische Schauspieler) ins Internet gestellt. Dieses Orakel kann danach befragt werden, wie eng alle der weltweit verzeichneten 756.698 Schauspieler mit Kevin Bacon verbunden sind bzw. bereits mit ihm zusammen gearbeitet haben. Das verblüffende Ergebnis: keiner der Darsteller ist weiter als um 8 Ecken von Kevin Bacon entfernt, selbst diejenigen nicht, die irgendwann einmal für wenige Sekunden in einem tamilischen Tanzfilm mitgewirkt haben. Sie können das hier selbst testen.

Erste Forschungsergebnisse

Solche Forschungen gehen auf die erstmals 1967 durchgeführten Untersuchungen von Stanley Milgram zurück. Milgram vermutete, dass unsere soziale Welt kleiner ist, als wir glauben. Um das zu beweisen, startete er ein einfaches Experiment: An 160 Freiwillige in Omaha, US-Bundesstaat Nebraska, schickte er Briefe mit der Bitte, sie an einen Bostoner Börsenmakler weiterzusenden, dessen Adresse er nicht angegeben hatte.

Die Freiwilligen sollten auch nicht versuchen, die Adresse zu ermitteln, sondern stattdessen den Brief an einen persönlichen Bekannten weiterleiten, von dem sie annahmen, dass er dichter an der Zielperson sei als sie selbst. Auf dieselbe Weise sollte auch der Bekannte den Brief anschließend weiterleiten. Überraschenderweise erreichten viele Briefe bald ihr Ziel. Noch überraschender war, dass fast alle dafür lediglich sechs Zwischenschritte benötigt hatten.

Das Small-World-Phänomen war entdeckt!

Diese Erkenntnisse sind später z. B. von dem Soziologen Mark Granovetter aufgegriffen worden. Granovetter befragte Personen, die über persönliche Kontakte einen neuen Job gefunden hatten, welche Art von Kontakten dabei hilfreich gewesen war. Dabei ergab sich, dass die starken Kontakte nur in 16 Prozent der Fälle weiterhelfen konnten. In den anderen Fällen (84 Prozent) gaben schwache Kontaktpersonen den entscheidenden Tipp. Die Studie können Sie hier downloaden.

Diese Erkenntnis leuchtet unmittelbar ein, wenn man berücksichtigt, dass die starken Kontakte immer zwischen Menschen des eigenen engen sozialen Umfelds bestehen. Diese haben häufig einen ähnlichen Informationsstand – sie wollen gern helfen, wissen aber nichts Neues. Ganz anders ist dies bei den schwachen Kontakten: diese Personen sind zwar nicht so hilfsbereit, bewegen sich aber in anderen Kreisen. Und allein schon dadurch verfügen sie über andere Informationen. Und das führt messbar oft dazu, dass diese Menschen den entscheidenden Job-Tipp liefern können. "Schwache Kontakte sind eine wichtige soziale Ressource", fasst Granovetter seine Beobachtungen zusammen.

Zwischenergebnis für die Jobsuche

Wer auf der Jobsuche ist, sollte darüber nicht nur seine Freunde und engen Bekannten in Kenntnis setzen, sondern insbesondere die entfernten Bekannten. Immer versehen mit dem Hinweis, dass diese Personen die Information auch in ihrem eigenen Netzwerk weitergeben sollen. Dies macht Sinn, da die erwähnten Studien (und andere ähnliche) bewiesen haben, dass auch der wichtigste Entscheidungsträger i. d. R. nur sechs Ecken entfernt ist.

Wir wollen an dieser Stelle zwar darauf hinweisen – jedoch nicht weiter ausführen – dass das Small-World-Phänomen auch die Verbreitung epidemischer Krankheiten beeinflusst. Angefangen von der Pest bis hin zu Aids. Letztendlich kann die Verbreitung von Seuchen (z. B. der Vogelgrippe) nur verhindert werden, indem die Verbindungen des Netzwerkes unterbrochen werden. Z. B. durch Quarantäne.

Einsatz im Recruiting über XING, Linkedin oder facebook

Viel relevanter für uns ist, dass die sogenannten Kontakte zweiten oder dritten Grades sehr effektiv im Recruiting eingesetzt werden können. Und das Mittel der Wahl hierfür sind die sozialen Netzwerke wie XING, Linkedin oder auch facebook.

Letzteres Netzwerk wurde von dem amerikanisch-italienischen Forscherteam um Lars Backstrom (Softwareanalyst bei facebook) und Paolo Boldi (Universität Mailand) bereits im Jahr 2011 untersucht. Zum Zeitpunkt der Analyse waren in facebook 721 Millionen User angemeldet. Diese verfügten über insgesamt 69 Milliarden Verbindungen. Backstrom und Co. ließen diese riesige Datenmenge von Software analysieren. Das Ergebnis zeigte, dass die durchschnittliche Entfernung zwischen zwei willkürlichen Mitgliedern bei 4,74 Kontakten lag. Die Studie können Sie hier herunterladen.

Umsetzung im Active Sourcing

Die Erkenntnis für den Recruiter 2.0, der sich professionell mit Active Sourcing beschäftigt, liegt dazwischen. Die Empfehlung lautet: bauen Sie sich ein einschlägiges Netzwerk mit sinnvollen Kontakten auf. Hierfür bieten sich z. B. Fachgruppen oder Expertennetzwerke an. Bauen Sie sich ein Kontaktnetzwerk innerhalb dieser Gruppen auf. Sinnvoll ist auch, die Mitarbeiter Ihres eigenen Unternehmens in Ihr Netzwerk einzuladen. Wählen Sie dabei insbesondere die Mitarbeiter aus, welche in besonders nachgefragten Berufsgruppen tätig sind (z. B. Ingenieure). In der Regel bewegen sich Menschen in Kreisen mit gleichen oder ähnlichen Interessen. Damit haben Sie natürlich erst die Voraussetzungen geschaffen. Die eigentliche Arbeit (Selektion und Ansprache) beginnt freilich erst danach.

Über letzteres könnte ich jetzt einen eigenen Blog - wenn nicht sogar ein ganzes Buch - schreiben. Dies werde ich gerne nachholen.

Ich selbst habe stand heute (26.08.2013) übrigens "nur" 644 – jedoch weitgehend handverlesene - Kontakte allein auf XING. Bereits über die Kontakte meiner Kontakte könnte ich dennoch 221.324 andere XING Mitglieder erreichen. Einen Schritt weiter sind es dann unglaubliche 2.374.482 Kontakte.

It's a small world!


Oskar oder Goldene Zitrone - ein paar Gedanken zu ...
Das Recruiting Desaster bei der Bahn

Related Posts

about us

More than 2,800 pre-qualified profiles from almost all sectors and specialist areas are available at expertence. Using intelligent filter functions, experienced pool managers identify suitable candidates for the respective project request of our customers.

Newsletter

Mit unserem Newsletter informieren wir Sie regelmäßig über neue Experten-Profile. Sie können den kostenfreien Bezug jederzeit wieder kündigen.

Contact

expertforce interim projects GmbH
Konrad-Zuse-Platz 8
81829 München

+49 89 2070 42 170
info@expertence.com
Mo-Fr: 09.00 - 18.00

SiteLock