Uwe Sunkel

Seit über 20 Jahren führt Uwe Sunkel Projekte im nationalen und internationalen Human Resources Umfeld durch. Zu seinen Kunden gehören Unternehmen des Mittelstands ebenso wie internationale Großkonzerne.

Die Digitalisierung des Interim Managements

Die Digitalisierung des Interim Managements

Nun soll also eine der letzten Bastionen im Recruiting von Fach- und Führungskräften fallen. Die Vermittlung von Freiberuflern, Interim Managern und Unternehmensberatern steht kurz davor, dem digitalen Kolbenfrass zum Opfer zu fallen. Wohlgehütete Datenbanken der Provider und elitäre Netzwerke - alles zukünftig nichts mehr wert. Längst haben eigens hierfür programmierte Algorithmen die Suche und Vorauswahl der passenden Kandidaten übernommen. Die Margen der Provider brechen zusammen, wie Kartenhäuser im Sturm. Die Einkaufsabteilungen jubilieren und die Vermittler ersaufen in ihren eigenen Tränen. Schöne neue Welt.

Schreckens-Szenarien haben eines gemeinsam. Je marktschreierischer sie daher kommen, desto mehr lohnt sich der Blick auf das, was tatsächlich passiert. Und da müssen wir zunächst einmal feststellen, dass wir es hier vorliegend nicht mit einem neuen Phänomen zu tun haben. Die Digitalisierung der Kandidatenauswahl soll etwas Neues sein? Ich bitte Sie ... Jedes Recruitingsystem der letzten 10 Jahre kann das, sofern die Daten vorab halbwegs sauber hinterlegt wurden. Und wenn man sich automatisierte Plattformen wie upwork.com anschaut, dann stellt man zudem fest, dass uns der Wettbewerb jenseits des Atlantiks (wieder einmal) Jahre voraus ist. Was hier aber von Hamburg bis München zu einem deutlich vernehmbaren Zähneklappern führt ist die Tatsache, dass dieser international längst etablierte Trend inzwischen so viel Rückenwind hat, dass es selbst in der deutschen Komfortzone ungemütlich wird. Und ich möchte das Ergebnis auch gleich vorweg nehmen. Wer bis jetzt nicht aufgewacht ist, der kann ruhig liegen bleiben. Der Zug ist nämlich längst aus dem Bahnhof raus. Der Wandel hat bereits begonnen.

Nun ist es aber so, dass man einen Prozess nicht einfach automatisieren kann. Sie kennen den Spruch: Wenn Sie einen schlechten Prozess digitalisieren, dann haben Sie hinterher einen digitalisierten schlechten Prozess. Shit in - shit out. Digitalisierung und Automatisierung müssen also an einem ganz anderen Punkt beginnen. Nämlich beim Bedarf. Und da halte ich es mit Hans-Joachim Flebbe, dem Gründer der Cinemaxx-Kinos. Der hat seinerzeit in der Hochphase des Kino-Sterbens alles auf eine Karte gesetzt. In einem Interview wurde er gefragt, warum er denn auf ein totes Pferd setzen würde. Seine Antwort habe ich nie vergessen: "Das Publikum ist da - man muss ihm nur die richtigen Kinos bauen." Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, hat das so zusammengefasst: "Always start with the customers perspective - and then think backwards." So einfach das zunächst klingt - so schwierig ist es in der Umsetzung. Nicht umsonst sprechen wir im Zusammenhang mit der Digitalisierung auch über Disruption - die absichtliche Zerschlagung des eigenen Geschäfts.

Hier war es. Da stand sie ... Wenn wir Kassandra nicht folgen wollen tun wir gut daran, genau zu prüfen, welche nächsten Schritte wir nun gehen müssen. Glücklicherweise gibt es genügend gute (und auch schlechte) Beispiele, anhand derer wir lernen können. Als Die Zeit unter Rainer Esser und Helmut Schmidt den Mut fand, ihr eigenes Geschäftsmodell durch die konsequente Umsetzung von Zeit ONLINE anzugreifen, gab es viel Unruhe und Gegenwind. Als dann auch noch die User anfingen, die Artikel der Zeit ONLINE auf deren Webseiten zu kommentieren, wurde der damalige Chefredakteur Wolfgang Blau auf eine Zigarettenlänge einbestellt. Auf Schmidt's Kritik, die Zeit sei zu transparent und mache sich letztendlich journalistisch angreifbar, antwortete Blau sinngemäß: Wir haben lediglich die Wahl auf der eigenen Webseite diskutiert zu werden - oder anderswo. Dann allerdings außerhalb unseres Einflussbereichs. Das ließ Schmidt gelten und entschied sich für den Mut - der Rest ist Geschichte.

Was heißt das nun? Ich bin der festen Überzeugung, dass wir - wenn wir die Digitalisierung der Vermittlung ernst nehmen wollen - nicht bloß bei der Automatisierung bekannter Prozesse ansetzen dürfen. Wir müssen den Mut haben, unser eigenes Geschäft zu kanibalisieren. Natürlich ist Automatisierung schon ein erster, wichtiger Schritt. Kunden können selbst nach den passenden Kandidaten suchen, eine erste Vorauswahl treffen und evtl. sogar über die Plattform Verträge schließen. Der Prozess wird dadurch einfacher und kostengünstiger. Das ist aber keine Raketenwissenschaft und wird für sich allein genommen sehr schnell nicht mehr genügen. Und mutig ist es auch nicht. Es gibt da draußen genug "Junge Wilde", die nichts zu verlieren haben - die das Geschäft einfach angreifen, anstatt über die Risiken zu debattieren. Die sich in vertikalen Netzwerken austauschen und Projekte an den Providern vorbei besetzen. XING und LinkedIn bieten längst alle Möglichkeiten, Kompetenzen und Ressourcen zu finden - weltweit. Daneben gibt es Unternehmer aus unseren Reihen, die ihr eigenes Netzwerk einfach als Grundstein einbringen, gemeinsam mit einem inspirierten Investor ein paar fähige Programmierer einkaufen, eine international erfolgreich Plattform wie Upwork oder Catalant in sechs Monaten kopieren und über die Online-Marketing-Kanäle viral verbreiten. Das ist die Zukunft. Das ist disruptiv.

Natürlich müssen Sie - wie immer - nicht meiner Meinung sein. Einige von Ihnen werden sich weiterhin mit Matthias Horx entspannt zurück lehnen und weiterhin das Ende von facebook vorhersagen (auch, wenn Horx hier bekanntlich irrte). Wir müssen auch nicht gleich Christoph Keese auswendig lernen - denn allein durch schnellere Unternehmensanmeldungen, mehr Risikokapital und weniger Silodenken in den Konzernen werden wir auch keinen Blumentopf gewinnen. In jedem Fall sollte man sich aber die Frage stellen, mit welchem Recht wir davon ausgehen dürfen, dass ein erfolgreicher Trend ausgerechnet vor unserem Geschäft halt macht. Ich halte solch eine Einstellung für überheblich und wenig "von hinten gedacht".

In einem meiner nächsten Beiträge werde ich erklären, was diese Entwicklung für den einzelnen Interim Manager bedeutet und wie sich diese auf die nächsten Monate vorbereiten können. Gerne lade ich Sie ein, diesen Artikel hier zu diskutieren oder unten einen Kommentar zu hinterlassen.


Projektmanager zum Dumping-Preis
Unter der Lupe - zum Thema: Positionierung

about us

More than 2,800 pre-qualified profiles from almost all sectors and specialist areas are available at expertence. Using intelligent filter functions, experienced pool managers identify suitable candidates for the respective project request of our customers.

Newsletter

Mit unserem Newsletter informieren wir Sie regelmäßig über neue Experten-Profile. Sie können den kostenfreien Bezug jederzeit wieder kündigen.

Contact

expertforce interim projects GmbH
Konrad-Zuse-Platz 8
81829 München

+49 89 2070 42 170
info@expertence.com
Mo-Fr: 09.00 - 18.00

SiteLock