Uwe Sunkel

Seit über 20 Jahren führt Uwe Sunkel Projekte im nationalen und internationalen Human Resources Umfeld durch. Zu seinen Kunden gehören Unternehmen des Mittelstands ebenso wie internationale Großkonzerne.

Die Job-Revolution bei Daimler - und was davon bleibt ...

Die Job-Revolution bei Daimler - und was davon bleibt ...

Wer im Recruiting arbeitet, kam an dieser Schlagzeile nicht vorbei: Der Weltkonzern Daimler, bekannt für starre Hierarchien und gewerkschaftlich korrekte Arbeitszeiten, startet eine Job-Revolution. Wie wir nicht erst seit gestern - und auch nicht erst seit der Daimler-Umfrage unter den 80.000 Mitarbeitern - wissen, wird sich die Arbeitswelt der Zukunft deutlich von der unserer Eltern unterscheiden. Auf der Couch arbeiten, Meetings im Café abhalten, Konferenzen aus dem Park führen​ - so stellen sich die Zukunftsforscher das vor. Lustig ist das eigentlich nicht, denn genau so arbeiten heute schon viele Startups z. B. im Silicon Valley. Und wir fangen jetzt gerade mit der Diskussion an. Armes Deutschland.

Revolution oder Papiertiger?

Ich weiß gar nicht genau, ob man Herrn Zetsche jetzt trotzdem gratulieren soll. Einerseits zollt ihm die Presse Respekt und bezeichnet seinen waghalsigen Vorstoß als „Revolution". Andererseits steht die Weisheit der sich ändernden Erwartungen einer nachwachsenden Generation in zahllosen Büchern und in noch mehr Artikeln zum Thema. Der Wunsch nach freierem Arbeiten ist bekannt. Selbst Andrea Nahles (SPD), die normalerweise wirklich gar nichts merkt, konstatierte beim Kongress zur Zukunft der Arbeit Ende März 2016 in Berlin: "Viele Beschäftigte sind offen für Flexibilität." Ob man wirklich eine Umfrage braucht, um das herauszufinden? Vielleicht ist das bei Daimler so - womit wir wieder beim Thema "Behäbigkeit" wären. Aber lassen wir das. Herr Zetsche leidet sicher schon genug unter Tesla. Da braucht er keine zusätzliche Schelte von einem unbedeutenden HR-Blogger.

Als einer der ersten großen Konzerne in Deutschland will das Unternehmen aus Stuttgart nun also sein altes Konzept der Arbeit komplett umwerfen – und es den Wünschen seiner Mitarbeiter anpassen. Mehr als 80 Prozent der Belegschaft hatten in der Umfrage festgestellt: "Wir wollen räumliche und zeitliche Autonomie." Donnerwetter – die Nahles'sche Vision wird Realität! Einmal abgesehen davon, dass man bei Tesla diese Frage gar nicht hätte stellen müssen, wäre als Spontanreaktion auf eine solche Zahl Elon Musk sofort mit der Spitzhacke losgelaufen und hätte sämtliche Zeiterfassungsterminals eigenhändig aus der Wand gerissen - und dabei möglicherweise auch den einen oder anderen Betriebsrat nicht verschont. Böse Bilder, die ich da in meinem Kopfkino habe ...

Was wirklich wichtig wäre

Womit wir aber beim Kern des vielzitierten Pudels sind. Daimler hört zu und als Konsequenz der Umfrage will Dieter Zetsche nun "alles auf den Prüfstand stellen" – Firmenhierarchien, Meetingkultur und Leistungsbewertung. Daimler-Angestellte sollen in Zukunft dort arbeiten dürfen, wo sie möchten – zuhause auf der Couch, mit den Füßen in einem See oder im Lieblingscafé. Was aber weder Herr Zetsche noch sein Personalchef Wilfried Porth auf dem Zettel haben, ist folgendes: Die Einräumung zeitlicher und räumlicher Autonomie löst nicht das eigentliche Problem, welches durch unflexible Beschäftigungsmodelle entsteht. Dort, wo Unternehmen weiterhin gezwungen sind, Mitarbeiter fest anzustellen und nicht über die Möglichkeit verfügen, ungeeignete Mitarbeiter zu vertretbaren Bedingungen zu ersetzen, hilft der geplante Befreiungsschlag wenig. Ein ungeeigneter Mitarbeiter im Lieblingscafé ist vor allem eines: ein ungeeigneter Mitarbeiter. Und daher ist der Vorstoß von Daimler auch nicht mehr als Stückwerk. Eine tatsächliche Revolution, die den Titel auch verdient, müsste viel tiefer ansetzen, z. B. bei der Möglichkeit, Arbeit in Projekten zu organisieren und sich die notwendigen Projektressourcen über Interim Management und Experten auf Zeit zu sichern.

Against all odds - gegen alle Widerstände

Damit wir uns nicht missverstehen, ich bin ein großer Befürworter von flexiblen Arbeitsmodellen. Nach meiner Erfahrung eröffnen diese beruflich wie auch im privaten Bereich wichtige und sinnvolle Gestaltungsspielräume, z. B. für die Betreuung der eigenen Kinder. Natürlich bedeutet das dann auch, dass Teile der Arbeit in einem solchen Modell außerhalb der Kernzeiten und möglicherweise auch zuhause stattfinden müssen. Oder meinetwegen auch mit den Füßen in einem See. Und da sind sie auch schon – die Kritiker der flexiblen Konzepte. Deren Schmerzensschreie beruhen auf der Befürchtung, dass Arbeit und Freizeit z. B. durch die Nutzung eines Home-Office so sehr verschmelzen könnten, dass am Ende die Freizeit auf der Strecke bleibt. Bitte gebt mir eine Spitzhacke ...

Genau mit diesem Störfeuer werden sich die Großkonzerne, allen voran nun also Daimler, auseinandersetzen müssen. Ich sehe die Widerstände in den Reihen der ewig gestrigen Betriebsräte und politisch verirrten Gewerkschaften. Die werden zwar das eine fordern, aber die Idee dann nicht konsequent zu Ende denken wollen. Die Absichten des Herrn Zetsche sind aller Ehren wert. Und jeder Arbeitgeber, der es ihm nachtut, leistet einen wichtigen Beitrag auf dem Weg hin zu einer besseren Arbeitswelt. Das meine ich wirklich so. Wünschen kann ich den Unternehmen nur eine starke Lobby in Berlin und in den Kreisen der Betriebsräte. Ohne diese Rückendeckung hat der Vorstoß leider gute Chancen weit hinter den Möglichkeiten zurück zu bleiben. Wernher von Braun sagte damals: "Bei der Eroberung des Weltraums waren zwei Probleme zu überwinden: Die Gravitation und die Administration. Mit der Gravitation wären wir fertig geworden." Good luck Germany!

 

Comments 2

Guest - Klaus on Tuesday, 12 April 2016 19:47

Flexible Arbeitszeiten... da gibt es in München schon länger ein großes Unternehmen, welches das umgesetzt hat. Naja, gebloggt wird vieles und es muss ja nicht recherchiert werden. Im Grunde war ich enttäuscht von dem Artikel.

Flexible Arbeitszeiten... da gibt es in München schon länger ein großes Unternehmen, welches das umgesetzt hat. Naja, gebloggt wird vieles und es muss ja nicht recherchiert werden. Im Grunde war ich enttäuscht von dem Artikel.
PrimeNET Admin on Tuesday, 12 April 2016 20:14

Fair enough, Klaus. Letztendlich ist das natürlich einerseits eine Definitionsfrage (was verstehen wir unter "flexiblen Arbeitszeiten") und andererseits eine Frage des Betrachtungswinkels. Zetsche redet selbst von "Revolution". Eine solche ist per Definition ein grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme, der meist abrupt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt (vgl. Wikipedia). Mit Verlaub: die Flexibilisierung von Arbeitszeit oder Schichtmodellen, z. B. durch Gleitzeit, Wertkonten oder gar Lebensarbeitszeitmodellen, greift mir da doch etwas zu kurz.

Fair enough, Klaus. Letztendlich ist das natürlich einerseits eine Definitionsfrage (was verstehen wir unter "flexiblen Arbeitszeiten") und andererseits eine Frage des Betrachtungswinkels. Zetsche redet selbst von "Revolution". Eine solche ist per Definition ein [b]grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme, der meist abrupt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt[/b] (vgl. Wikipedia). Mit Verlaub: die Flexibilisierung von Arbeitszeit oder Schichtmodellen, z. B. durch Gleitzeit, Wertkonten oder gar Lebensarbeitszeitmodellen, greift mir da doch etwas zu kurz.
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