Das Recruiting Desaster bei der Bahn

Das Recruiting Desaster bei der Bahn

Seit Anfang August rollt eine Feuerwalze durch die Presse. Der Deutsche Wutbürger hat ein neues Objekt identifiziert, an welchem er seinen Zorn entladen kann. Die Deutsche Bahn hat auf ganzer Linie versagt und nun kommt es am Nabel der Weltwirtschaft, dem Mainzer Hauptbahnhof, doch tatsächlich zu Zugausfällen. Tausende Pendler stehen in Schockstarre vor leeren Gleisen. Der volkswirtschaftliche Schaden ist unermesslich. Ich sehe schwarz für unsere Zukunft.

Doch von Anfang an. Der Deutschen Bahn fehlen Fahrdienstleiter, sodass in den Stellwerken Mainz, Bebra und Zwickau bereits Züge ausgefallen sind. Inzwischen ermitteln Bundesnetzagentur und Eisenbahnbundesamt. Selbst Minister Ramsauer griff bereits zum Telefon, um Vorstand Grube die Leviten zu lesen. Für ein Unternehmen, das spätestens 2020 zu den beliebtesten Arbeitgebern zählen möchte, sind solche Meldungen peinlich. Und für die Fahrgäste ärgerlich.

Die Bahn steht augenscheinlich hilflos vor der Situation. Von den 15 Fahrdienstleitern im Stellwerk Mainz seien fünf erkrankt und drei im Urlaub. 33% Krankenquote im Hochsommer? Das würde ich als HR-Manager gerne mal hinterfragen. Z. B. würde ich gerne mal überprüfen, an welchem Baggersee sich diese Kollegen gerade auskurieren. Aber das nur am Rande - wir wollen hier ja nicht spekulieren.

War die Situation vorhersehbar?

Die Diskussion im Kollegenkreis der Recruiter ist derzeit eine ganz Andere. Im Vordergrund steht die Frage, ob die Situation vorhersehbar war und wie man sich darauf hätte vorbereiten können. Oder ob man sich sogar hätte vorbereiten müssen.

Dabei ist es gar nicht so, dass die Bahn im Vorfeld nichts getan hätte. Ganz im Gegenteil. Für ein millionenschweres Budget wurde eine Employer Branding Kampagne umgesetzt, welche z. B. auf 7000 offene Stellen in über 500 Berufen hinweist. Einer davon ist auch der fehlende Fahrdienstleiter.

Gut gemacht und natürlich mit dem Hinweis auf den Stellenmarkt der Bahn (deutschebahn.com/karriere). Dort finden wir eine richtig schicke Karriereseite mit guten Suchfunktionen und - zumindest bei mir - hervorragender Performance.

Der Teufel steckt leider immer im Detail. Und so führt meine Spontansuche über den Suchbegriff "Mainz" denn auch zu einer Trefferliste, mit welcher ein evtl. suchender Fahrdienstleiter rein gar nichts anfangen kann. Erst die Suche über den Begriff "Fahrdienstleiter" in Kombination mit dem Suchbegriff "Mainz" führt zu einem Ergebnis, welches tatsächlich die offene Position enthält. Die Anzeige wurde am 8. Februar 2013 - also nach meiner Interpretation lang genug vor dem D-Day im August - veröffentlicht.

Warum wurden die Stellen dann nicht besetzt?

Stellenangebot-Fahrdienstleister-für-Mainz

Schauen wir uns dieses Jobangebot mal etwas genauer an. Vielleicht liefert uns das ja weitere Erkenntnisse.

Diese Stellenanzeige ist grundsätzlich gut gemacht. Es werden Werte und Vorteile angeboten. Ein Beispiel: "Egal welchen Hintergrund Sie haben, hier können Sie einsteigen, umsteigen, aufsteigen. Hier ist Ihr Beitrag wichtig. Hier sind Sie wichtig. Mit anderen Worten – Ein Job bei der Deutschen Bahn ist: Kein Job wie jeder andere.". Das ist wirklich gut - da merkt man, dass ein professioneller Berater unterstützt hat. In diesen Zeilen finden wir Persönlichkeit, Authentizität und Emotion. Eigentlich alles richtig gemacht.

Tja und dann ... Ich sage es nur wirklich ungern - aber danach sind wir wieder bei einem meiner Leidensthemen angekommen. Beim Klick auf "Jetzt bewerben" wird's nämlich komplett unpersönlich. Der interessierte Bewerber wird in ein eRecruiting-System umgeleitet. Dort muss er sich erst umständlich registrieren, bevor er - noch umständlicher - seine umfangreichen und vollständigen persönlichen Daten in Online-Formulare eintragen darf.  

online bewerbenBei allem Verständnis für schlanke Prozesse und Rationalisierung, wir reden hier nicht über reguläre Bewerber, die "en Passant" eingesammelt werden und über einen gewissen Zeitraum einen Talent-Pool bilden. Wir reden vielmehr über einen ganz offenbar engen Bewerbermarkt und Bewerber, die nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Um es einmal ganz klar zu sagen: solche Bewerber darf kein professioneller Recruiter sich selbst überlassen. Wer das tut, wartet sehenden Auges darauf, dass eine falsch gestellte Weiche zu einem Zugunglück führt (die Bahn wird dieses Sinnbild sicher gut nachvollziehen können).

Hier hätte es zweierlei gebraucht:

  1. Zum einen eine vorausschauende Personalplanung. Das beinhaltet im vorliegenden Fall für mich ganz klar eine abgekoppelte Strategie, die nicht über ein Online System gesteuert wird sondern über echte Menschen, soziale Kontakte und persönliche Kommunikation.
  2. Und zweitens hätte hier vorgeschaltet ein aktiver Sourcing-Prozess stattfinden müssen, um die Kandidaten Pipeline überhaupt erst einmal zu füllen. Das passiert nicht von selbst - auch nicht bei der Deutschen Bahn. Eine Employer Branding Kampagne ist sicherlich ein guter erster Schritt. Viel wichtiger ist aber das, was danach passiert.

Schwächen im nachgelagerten Recruiting Prozess

Hier betrete ich jetzt etwas dünnes Eis, indem ich spekuliere, was möglicherweise bei der Bahn (auch) passiert ist. Wir kennen aus dem Produktvertrieb den sogenannten "Mystery-Shopper", der im Auftrag von Unternehmen Testkäufe oder Testanrufe durchführt. So etwas gibt es auch im Recruiting. "Mystery-Bewerbungen" zeigen gerade in Großkonzernen ganz besonders häufig, dass der Workflow nicht funktioniert. Bewerber erhalten keine Rückmeldungen oder die Rückmeldungen passen nicht zur Bewerbung. Sie können nahezu jedes eRecruiting-System so einrichten, dass eine automatisierte Eingangsbestätigung verschickt wird. Doch persönlich ist das nicht. Und Achtung!!! Bewerber merken genau, ob ein System oder ein Mensch mit Ihnen kommuniziert. Ein harter Systembruch führt bei den Bewerbern fast immer zu einer gefühlten "Inkonsistent" zwischen Bewerberversprechen und dem, was das Recruiting hält.

Wie gesagt, letzterer Absatz ist ein Stück weit Spekulation. Allein mir fehlt der Glaube daran, dass dies bei der Bahn grundsätzlich anders ist. Bleibt unter dem Strich eine Außenwirkung, die dem Ruf der Bahn schadet. Ich bin trotzdem fest überzeugt davon, dass dort Profis am Werk sind, die hier und da sicherlich noch besser werden müssen. Das ist aber in allen mir bekannten Unternehmen der Fall und insofern eigentlich kein Grund für die vorgetragene Entrüstung.

Unangemessene Reaktionen?

Aber so ticken die Deutschen leider. Wenn es an die persönliche Bequemlichkeit geht, dann schreit der Deutsche Wutbürger laut auf. Wir sind ein Volk der Kritiker und Kritisierenden. Leider fehlt uns in gleichem Maße die Fähigkeit zur Selbst-Reflektion. Wir stellen unser ganzes Leben öffentlich auf Facebook zur Schau und regen uns gleichzeitig über die Methoden der NSA auf. Wir diskutieren mit unseren Arbeitgebern darüber, dass wir nur noch 35 Stunden pro Woche arbeiten wollen und verfluchen später die Dienstleister, die unserem Anspruch an komfortable Servicezeiten nicht genügen. Das finde ich unangemessen und falsch.

Fazit: aus dem aktuellen Fall können wir einiges lernen. Erfahrene Recruiter haben ähnliche Situationen bereits selbst erlebt und ihre Schlüsse darauf gezogen. Es kommt dabei immer darauf an, dass man die richtigen Schlüsse zieht. Und das ist nur dann möglich, wenn Fehler analysiert und hinterfragt werden. Ich bin sicher, dass dies bei der Bahn derzeit geschieht.


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