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Uwe Sunkel

Seit über 20 Jahren führt Uwe Sunkel Projekte im nationalen und internationalen Human Resources Umfeld durch. Zu seinen Kunden gehören Unternehmen des Mittelstands ebenso wie internationale Großkonzerne.

Oskar oder Goldene Zitrone - ein paar Gedanken zu Video Interviews

Ich hatte unlängst Gelegenheit, mich mit dem Thema Video-Interviews etwas näher zu beschäftigen. Sie wissen, dass ich ein sogenannter Early Adopter bin. Wenn ein neues iphone erscheint, muss ich es haben. Und zwar sofort. Mit Recruiting Themen wie "Active Sourcing" beschäftige ich mich ebenfalls seit deren Geburtsstunde. Grund genug also, mich auch dem neuen Hype "Video" zu öffnen.

Nun ist es keinesfalls so, dass ich unkritisch jede Sau an den Spieß stecke, die durch irgendein Dorf getrieben wird. Ich gehöre eher zu den Skeptikern. Mit guten Argumenten können Sie mich kriegen. Plattitüden jedoch prallen an mir ab. Video Interviews - oder deren zeitversetzte Töchter - werden seit einiger Zeit als heilbringender Gral im Recruiting gehypt. Allein das stimmt mich bereits skeptisch. Schauen wir uns also das Thema etwas genauer an.

Die Idee klingt wunderbar. Der Interviewer kann Bewerber per Videokonferenz vorselektieren. Beide Teilnehmer sitzen vor einem Notebook oder PC - in der Regel zuhause bzw. im Büro. Reisezeit und Reisekosten fallen also per se nicht mehr an. Das ist toll. Zudem spart das Unternehmen die Kosten für tausende Gläser Wasser und Tassen Kaffee. Das ist noch toller. Kein Wunder also, dass die Anzahl der virtuellen Begegnungen z. B. in den USA im letzten Jahr um 400% gestiegen ist.

Die Idee des zeitversetzen Interviews geht noch einen Schritt weiter. Der Bewerber erhält einen Fragenkatalog und kann selbst entscheiden, wann und wo er die Fragen auf Video aufnimmt. Anschließend stellt er dem Recruiter sein persönliches Bewerbervideo zur Verfügung, der seinerseits nach eigener Zeiteinteilung entscheiden kann, wann er sich das Ergebnis ansieht.

Haben Sie schon einmal geskypt? Auch wieder eines dieser neu-deutschen Wörter ... Beim Skypen fällt mir immer wieder auf, dass ein echter Blickkontakt nur selten entsteht. Der Gesprächsteilnehmer schaut auf das Bewegtbild seines Notebooks - und damit am Gesprächspartner vorbei (bzw. über ihn hinweg). Das wirkt gruselig. Ich persönlich beurteile nonverbale Kommunikation im Vorstellungsgespräch mindestens genauso gründlich, wie Inhalte. Das ist bei einer Videokonferenz nicht möglich. 

Hinzu kommt, dass die Kandidaten-Videos, die ich zu sehen bekam, von stark unterschiedlicher Qualität waren. Zugegeben - darunter befanden sich Beispiele, die richtig professionell produziert waren und einfach Spaß machten. Der weitaus größere Teil war jedoch in keiner Weise geeignet, eine Beurteilung des Kandidaten vorzunehmen. Die Skala der Unzulänglichkeiten rangierte dabei von unnatürlich verkrampft bis zu völlig durchgeknallt. Und das machte dann auf einmal überhaupt keinen Spaß mehr. 

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich professionell vorbereitete und produzierte Kandidaten-Videos sehen möchte. Dann wären wir im Recruiting auf dem Niveau von Ritter Sport und der Camelia Slipeinlage angekommen. Das will ich nicht.

Ich möchte Kandidaten im Interview Face-2-Face kennenlernen. Ich möchte situativ auf Kandidaten, deren Antworten und deren Reaktionen (Körpersprache) eingehen können. Ich möchte mit meinem Kommunikations-Repertoire eine Beziehung aufbauen und idealerweise Begeisterung transportieren können. Das alles ist in einem Video-Interview nicht möglich.

Natürlich weisen die Befürworter der Methode an dieser Stelle darauf hin, dass das Video-Interview ja nur der Vorselektion dient. Aber mit Verlaub: es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Gerade das ist also ein Argument dagegen und nicht dafür!

Unlängst kam übrigens eine kanadische Studie zu ganz ähnlichen Erkenntnissen: Alle Beteiligten schnitten in den Videointerviews schlechter ab als in persönlichen Gesprächen. Nicht nur die Bewerber kamen als weniger geeignet rüber, auch die Unternehmen wurden als wesentlich unattraktiver eingeschätzt. "Unternehmen können potentielle Mitarbeiter allein durch die Form des Interviews verlieren - das ist fatal und lässt einen die Effizienz des Video-Recruitings in Frage stellen", so Willi Wiesner, Professor für Personalmanagement an der McMaster Universität in Hamilton, Kanada und einer der Autoren der Studie.

Fazit: noch im September kommt das neue iphone raus. Das hat auch eingebaute Videofunktionen. Ich werde diese sicher nutzen. Sehr sicher jedoch nicht für Video-Interviews.

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Die Zeit der Social Media-Experimente ist vorbei
Jeder kennt jeden um sechs Ecken
 

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