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Uwe Sunkel

Seit über 20 Jahren führt Uwe Sunkel Projekte im nationalen und internationalen Human Resources Umfeld durch. Zu seinen Kunden gehören Unternehmen des Mittelstands ebenso wie internationale Großkonzerne.

Das überholte Konzept der Festanstellung

Neue Arbeitsmodelle erfüllen den Deutschen seit jeher mit Skepsis. Zu tief ist die von den Gewerkschaften genährte Angst verwurzelt, jede Änderung verfolge dem Grunde nach nur den Zweck der Ausbeutung ganzer Belegschaften. Konzepte wie die der sogenannten Gig Economy werden daher unmittelbar dämonisiert, noch bevor sie überhaupt richtig angekommen sind. Doch nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Und so werden wir allen Widerständen zum Trotz in den nächsten Jahren eine tiefgreifende Veränderung der uns bekannten Arbeitswelten erleben.

Die Gig Economy

Der Begriff der Gig Economy ist in Amerika bereits seit 2009 bekannt. Im Rahmen der Rezession waren die Menschen darauf angewiesen, auch solche Jobs anzunehmen, die mit Festanstellung, Planbarkeit und Perspektive nicht zwingend einhergingen. Mehrere Jobs gleichzeitig oder auf selbständiger Basis auszuüben, war auf einmal völlig normal. Neben der Festanstellung in Voll- oder Teilzeit arbeiten heute ca. 40 Prozent der werktätigen Bevölkerung in den USA in irgendeiner Form der Selbständigkeit.

In Deutschland freilich lösen solche Konzepte offene Ablehnung aus. Sofort ist die Rede von einer Prekarisierung der Beschäftung und "amerikanischen Verhältnissen" auf dem Arbeitsmarkt – was gleichgesetzt wird mit Ausbeutung. Doch der Gig Worker – da machen wir uns bitte nichts vor - ist längst auch in Deutschland angekommen. Interim Manager, freiberufliche Projektleiter und Unternehmensberater gehören z. B. zu dieser Gruppe. Mit einem wesentlichen Unterschied allerdings: Der genannte Personenkreis hat das Arbeitsmodell freiwillig, aus Überzeugung und als Alternative zu den etablierten Modellen gewählt.

Die Totalblockade der SPD

Doch Andrea Nahles glaubt, etwas Anderes erkannt zu haben. Nicht zuletzt deshalb tritt am 1. April 2017 das neue Werkvertragsgesetz in Kraft, welches nach der Interpretation der SPD auch die schutzbedürftigen Selbständigen vor sich selbst schützen soll. Die seien nämlich – so wird unterstellt - größtenteils unfreiwillig in diese Lage geraten. Diese Unterstellung ist an Arroganz und Überheblichkeit nicht zu überbieten. Wir reden hier immerhin von ca. 4,1 Millionen Selbständigen, davon ca. 2,3 Millionen sogenannte Solo-Selbstständige – das sind Personen, die neben sich selbst keinen fest angestellten Mitarbeiter beschäftigen. Andreas Lutz, Vorsitzender des Verbandes der Gründer und Selbstständigen Deutschlands (VGSD), bringt es auf den Punkt. „Der Staat will Gutes", sagt Lutz, „aber er überschätzt sich und reguliert über. Außerdem geht es nur darum, möglichst viele Beiträge für die Sozialversicherung zu generieren." Statt das Potential zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zu nutzen, wird dieses nicht nur aktiv verhindert, sondern gleichzeitig werden durch den Kollateralschaden die Existenzen vieler Freiberufler wirksam vernichtet.

Festanstellung allein genügt nicht

Die angerissenen Modelle und deren Herausforderungen werden von der breiten Bevölkerung leider noch immer als Randerscheinung ausgeblendet. Linke Parteien erheben die unkündbare Festanstellung in Vollzeit weiterhin zum Idealbild unserer Gesellschaft. Unsere Ablehnung gegenüber alternativen Arbeitsmodellen wie denen der Gig Worker beruhen auf unserer an-sozialisierten Haltung zum Wert der Arbeit. Nicht zuletzt wird uns durch eine etablierte und gelebte Streikkultur immer wieder vor Augen geführt, dass Arbeitnehmer – selbst bereits ordentlich bezahlte – noch immer nicht genug bekommen. Diese Nehmerhaltung trägt ihr Übriges dazu bei, dass neue Arbeitsformen nicht nur entstehen, sondern von den Unternehmen auch besonders stark nachgefragt werden. Wie lautet denn die Antwort der Gewerkschaften im Hinblick darauf, dass Globalisierung, Digitalisierung und Automatisierung durch selbstlernende Software mit rasanter Geschwindigkeit in der Mitte der Gesellschaft ankommen? Ohne flexible freiberufliche Ressourcen können Sie darauf gar nicht schnell genug reagieren. Die Forderung nach flächendeckender Festanstellung, am besten in Vollzeit, erinnert mich an den Mann, der einen Zimmerbrand mit Benzin löschen wollte ...

Die Natur findet immer einen Weg

Wie heißt es so schön in Jurrassic Park: Die Natur findet immer einen Weg! Da kann sich Frau Nahles noch so sehr engagieren und nicht-zu-ende-gedachte Gesetzesnovellen einbringen. Unter der in kapitalen Lettern prangenden Überschrift "Vollbeschäftigung" stehen längst die Subtitel „Zeitarbeit",„befristete Teilzeitstelle" und leider auch „Scheinselbständigkeit". Diese Konzepte sind bereits näher an der amerikanischen Gig Ökonomie dran, als wir zugeben wollen. Und das ist auch gut so. Denn aus diesem Blickwinkel heraus, wird sich der Bereich der Freiberufler bald zu einem der wichtigsten Arbeitsmärkte der Zukunft entwickeln. Und wenn das im eigenen Lande nicht geht, weil der Ressourcenpool mit unsäglichen Regularien sukzessive trocken gelegt wird, dann wandert die Arbeit eben nach Indien oder Osteuropa ab. So einfach ist das. Für die Befürworter bietet das Modell nicht nur einen hohen Grad an Flexibilisierung, sondern stellt möglicherweise sogar die einzige ernstzunehmende Alternative zum 1. Arbeitsmarkt dar. Das ist wichtig, denn wenn dieser nämlich nicht mehr funktioniert, weil Wachstum und damit einhergehende Vollbeschäftigung aufgrund der Behäbig-, Fantasie- und Mutlosigkeit deutscher Politik kollabieren, dann brauchen wir dringlich neue Konzepte.

Be a part of it - or die

In Deutschland tendiert die Politik seit jeher instinktiv dazu, durch Regulierung alte Marktteilnehmer vor neuen Akteuren zu schützen. Doch wird der Staat die Entwicklung damit nicht aufhalten können. Allenfalls verzögern, bis andere Länder uns in Deutschland unaufholbar überholt haben. Das ist nämlich der Preis dafür, Entwicklungen erst dann zu diskutieren, wenn diese längst vollzogen wurden. Das sehen wir z. B. am heutigen Reifegrad der deutschen Unternehmen in Bezug auf Digitalisierung und Automatisierung. Wir rennen der Sau hinterher, die längst schon durchs Dorf getrieben wurde. Im Silicon Valley kommen die Gründer vor Lachen nicht mehr in den Schlaf, weil die Unternehmer in Good-Old-Germany ihnen den Markt für digitale Geschäftsmodelle ohne nennenswerten Widerstand überlassen haben. Und damit einher geht - auch, wenn es uns nicht gefällt - das Wesen der Arbeit gerade in die nächste Stufe über. Menschen und deren Fähigkeiten werden in zunehmendem Maß in eine per Smartphone-Klick bestellbare Dienstleistung verwandelt. Wir können dabei mitmachen oder uns dagegen verweigern. Letzteres geschieht dann um den Preis der Niederlage im globalen Wettbewerb.

Festanstellung wird nicht plötzlich verschwinden und sicher noch lange Zeit den größten Teil der Beschäftigungsverhältnisse ausmachen. Die Gig Economy daneben ist für mich kein Schreckensszenario, sondern die relevante Blaupause für ein breiteres zukünftiges Beschäftigungsmodell. Gleichzeitig ist sie ein warnendes Beispiel dafür, die Rahmenbedingungen in Deutschland richtig zu setzen, um auf die unausweichlichen Veränderungen vorbereitet zu sein. Dazu gehören sicherlich auch passende Gesetze, jedoch keinesfalls die Auswüchse der Überregulierung durch das in der nächsten Woche in Kraft tretende Gesetz.

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Der Hauptgrund für Absagen: mangelhafte Managerpro...
Die erlernte Unfähigkeit, Unternehmen zu verändern
 

Kommentare (1)

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  1. F. Timmerbeil

Mal so gesehen: Auch wir Selbstständigen brauchen die Festangestellten, denn die geben uns die Aufträge - und brauchen UNS. Wir sollten m.E. aufpassen, das dies keine Schwarz-Weiss-Diskussion am Ende wird.

 
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